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17.01.2018 - 23:07
Foto: LoloStock/stock.adobe.com

Mehr als schüchtern!

12.01.2018, 06:00

Peter (38) lebte im Dachgeschoß seines Elternhauses als Single. Sein Kontakt zu anderen Menschen beschränkte sich auf kurze Internetbekanntschaften. Bereits der Gedanke an ein reales Date löste bei Peter Selbstzweifel und Panikreaktionen aus.

Einzig und allein in seiner Firma kam Peter ganz gut zurecht. Allerdings arbeitete er als Spezialmechaniker mit Lärmschutz in einer Halle. Kundenkontakte wären ihm ebenso unmöglich gewesen wie ein Beförderungsgespräch mit dem Chef. Zwei Jahre ließ er verstreichen, ehe der Mann den Schritt wagte, eine Psychotherapie in Angriff zu nehmen. Anfangs mit dem Gefühl, dem Therapeuten nur zur Last zu fallen, sich "daneben" zu benehmen und jämmerlich zu versagen.

Peters Krankheitsbild wird "Sozialphobie‘‘ genannt. US- Studien zufolge sind rund 13 Prozent der Bevölkerung zumindest einmal im Leben davon betroffen. Natürlich in verschiedenen Abstufungen. Diese Menschen schotten sich ab, um sich der Beobachtung und Bewertung durch andere zu entziehen. Schon Hippokrates beschrieb in der griechischen Antike einen Mann, den man "wegen seiner Schüchternheit, seines Argwohnes und seiner Furchtsamkeit kaum zu sehen bekam und der die Dunkelheit wie sein Leben liebte". Dieser Mann war wie Peter. Schüchternheit ist noch keine Krankheit. Ein gewisses Maß an sozialen Ängsten kann als normal gelten. Bei Sozialphobie allerdings sind diese Ängste übersteigert. Für die Entstehung der Störung spielen Erfahrungen in der Kindheit eine maßgebliche Rolle. Aus hoher seelischer Verwundbarkeit kann sich eine Beeinträchtigung dieser Art entwickeln.

Wenn Eltern ihre Kinder zu sehr behüten, sie stark kontrollieren oder ihnen nur wenig Zuwendung geben, ist das Risiko besonders groß, zu erkranken. Peter zum Beispiel befürchtete, beim Einkaufen ausgelacht zu werden. Er hatte Angst, in Panik zu geraten und nicht mehr zu wissen, wie er sich verhalten sollte. Begleitend traten bei ihm Symptome wie Herzklopfen, Erröten, Schwitzen, Zittern, Schwindelgefühl und Stottern auf.

Peters Notfallset bestand aus folgenden Schritten:

  1. Aufbau von Vertrauen: Im Rahmen einer Psychotherapie lernte der Mann, mit dem Therapeuten angstfrei zu kommunizieren. Zur Anwendung kam dabei die sogenannte Kognitive Verhaltenstherapie - dabei wird eine Verbindung zwischen Gedanken, Gefühlen und Verhalten hergestellt.
  2. Entspannungstechniken: Peter erlangte durch Zwerchfellatmung die Kontrolle über sich selbst zurück.
  3. Konfrontationstherapie: In Begleitung seines Therapeuten lernte Peter, einkaufen zu gehen, ohne sich ständig kritischen Bewertungen durch die Mitmenschen ausgesetzt zu fühlen.
Regelmäßige Gespräche mit einem Experten können dabei helfen, die Sozialphobie zu bewältigen
Foto: zhitkov/stock.adobe.com

In manchen Fällen sind Psychopharmaka wie Angst lösende Medikamente vor Beginn einer Psychotherapie hilfreich, um sich überhaupt erst zu einer Behandlung zu entschließen. Diese Möglichkeit nahm auch Peter in Anspruch. Es gelang ihm jedoch, die Tabletten nach drei Monaten wieder "auszuschleichen" (schrittweise abzusetzen). Nach rund sechs Monaten traf er endlich jene Frau, mit der er zuvor nur via Internet in Kontakt gewesen war. Heute ist er glücklich verlobt und kann über seine unbegründeten Ängste nur noch milde lächeln

Dr. med. Wolfgang Exel, Kronen Zeitung

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