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16.01.2018 - 17:59
Foto: One Little Indian

Ásgeir: Sanfter Hüne aus dem hohen Norden

09.01.2018, 16:03

Er erschuf das bestverkaufte Debütalbum der isländischen Landesgeschichte, begeistert mit seinem feinen Stimmtimbre und den eklektischen Pianoklängen alle Generationen und hat soeben zwei immens erfolgreiche Europatouren hinter sich gebracht. Der junge Singer/Songwriter Ásgeir ist einer der größten Shootingstars der europäischen Indie- Szene und erzählt im Interview aus seinem aufregenden Leben.

Es war das Ende eines Triumphzugs. Fast eine halbe Stunde lang wird die Band beklatscht und mit Jubel bedacht. In der Wiener Arena sind nach der knapp eineinhalbstündigen Show schon längst die Lichter angegangen, die Hintergrundmusik ist als Unterstützung zum Leute- Auskehren hochgedreht und die Bar befindet sich kurz vorm Schließen. Doch Ásgeir Trausti und seine famosen Mitstreiter genießen das Bad in der Menge und suhlen sich im wohlverdienten Jubel. An einem frühwinterlich- kalten November- Tag war der Auftritt in der fast ausverkauften Halle der Schlusspunkt der zweiten Europatour 2017 und der endgültige Beweis dafür, dass der stämmige Isländer mit dem eindringlichen Gespür für sanfte, elektronisch angehauchte Indie- Folk- Nummern auch am Festland angekommen ist.

Mehr erreicht als erhofft

Begonnen hat das moderne Musikmärchen ziemlich genau fünf Jahre davor mit der Veröffentlichung seines Debütalbums "Dýrð í dauðaþögn". Das Platin- veredelte und auf Platz eins der isländischen Charts geschossene Erstwerk hat sich in Ásgeirs Heimat mehr als 35.000 Mal verkauft. Bildlich vorgestellt bedeutet das, mehr als ein Zehntel der gesamten Landesbevölkerung hat das Singer/Songwriter- Kleinod des damals erst 20- jährigen, introvertierten Vollblutmusikers im Regal stehen. "Ich habe gehofft, dass ich 30 CDs absetzen kann", schmunzelt er beim "Krone"- Interview, wenn er an die frühen Tage zurückdenkt, "am Ende waren es doch etwas mehr, was mein Leben nachhaltig verändert hat."

Dabei war es in jüngeren Jahren noch gar nicht absehbar, ob er nun Musiker oder Sportler werden würde. Ásgeir war Speerwerfer und hält, wie er stolz erzählt, in Island noch immer den Rekord bei den 13- und 14- Jährigen. Drei Jahre später entschied er sich endgültig für die weite Welt des Klangs. "Ich war mein Leben lang immer zwischen beiden Polen gefangen, habe jeweils 50 Prozent meines Herzens in diese Dinge gesteckt. Spätestens nach dem ersten Album war die Entscheidung getroffen und die Musik hat mich quasi versklavt", lacht er. Die Popularität in seiner Heimat nahm nach dem Riesenerfolg des Debüts ungeahnte Ausmaße an. "Mittlerweile hat sich die Sache gottseidank etwas beruhigt, aber manchmal kommen noch ein paar Kids vor meine Tür, weil sie kurz reden oder Fotos wollen. Das ist für mich aber kein Problem."

Ein neuer Masterplan

Nach der Veröffentlichung des Debüts folgten zahlreiche Touren, die insgesamt mehr als drei Jahre dauerten und sehr viel Energie raubten. "Ich war emotional total ausgetrocknet, konnte mich nicht mehr wirklich konzentrieren und viele Dinge, die zu wichtigen Entscheidungen führen, auch nicht mehr gut hinterfragen. Alles ging so plötzlich, ich hatte keinen Masterplan und musste erst mühsam lernen, die Geduld aufzubringen, mir auch eine Pause zu genehmigen. Heute achte ich viel stärker auf die nötigen Ruhetage und darauf, nicht auszubrennen." Das bestverkaufte isländische Debütalbum aller Zeiten (das tatsächlich nicht von Björk kommt) wurde vom Wahl- Isländer und mehrsprachigen Künstler John Grant schlussendlich ins Englische übersetzt und unter dem Namen "In The Silence" dem Rest der Welt zugänglich gemacht.

Das Besondere an der "Firma Ásgeir" ist, dass die Texte nicht von ihm selbst, sondern von seinem Vater Einer Georg Einarsson kommen, der in Island als anerkannter Dichter fungiert. "Meine Stärken liegen in der Musik und dem Erschaffen von Melodien. Mittlerweile kommen manche Textpassagen von mir, aber den Hauptteil übernimmt mein Vater. Wir haben eine sehr künstlerische Beziehung zueinander und unser gemeinsames Ziel ist, dass wir kräftige Melodien mit poetischen Texten verknüpfen. Wörter sind für mich sekundär, für ihn ungemein wichtig. Da wir beide sehr ruhige und introvertierte Charaktere sind, gibt es auch wenig Diskussionen und schon gar keine Streitereien."

Langsam in die Offensive

Die Schüchternheit des Frontmanns sieht man ihm ob seiner stattlichen Statur nicht an, doch nach dem plötzlichen Erfolg des Debüts, fiel es Ásgeir schwer, Interviews zu geben. "Ich wusste nie, was ich sagen soll, war total verunsichert. Auch eine Sache, die ich über die Jahre erst mühsam erlernen musste. Heute empfinde ich fast so etwas wie Freude an guten Gesprächen." Textlich behandelt der 25- Jährige auch auf seinem letzten Jahr erschienenen und hauptsächlich auf Englisch geschriebenen Zweitwerk "Afterglow" Natur, Land und Atmosphäre seiner Heimat. "Ich wurde in Interviews sogar schon gefragt, ob ich beim Songwriting an kleine Trolle oder dergleichen denken würde", lacht er, "dem ist natürlich nicht so, aber mein Vater hat die totale künstlerische Freiheit. Er ist von unserer Heimat inspiriert das schlägt sich auf meine träumerischen Songs nieder. Ich spüre seine Geschichten wie eine Art Farbpalette, bevor sie mit den Melodien verschmilzt."

Doch nicht nur mit den eigenen, fragil- verletzlichen Songs überzeugt der Künstler ein immer größer werdendes Publikum, auch Coverversionen seiner Jugendhelden Nirvana oder den Pixies hat er im Talon. "Heute reise ich in meinen Hörgewohnheiten noch viel weiter zurück. Derzeit befinde ich mich gerade in einer Joni- Mitchell- Phase und durchforste ihr gesamtes Lebenswerk. Ein paar Jungs in meiner Band überfallen zudem in jeder Stadt, in der wir auftreten, den hiesigen Plattenladen. Als wir kurz in den USA waren, lagen plötzlich 16 neue Vinylscheiben im Bus herum. Auf Reisen muss es aber nicht immer Rock sein, dann hören wir gemeinsam auch viel Jazz und isländische Musik." Eine Zusammenarbeit mit der großen Landesheldin Björk ist für die Zukunft gar nicht so unrealistisch. "Wer würde das nicht wollen? Ich muss aber zugeben, dass ich als Heranwachsender keinen Zugang zu ihrer Musik fand. Innerhalb der letzten sieben Jahre habe ich aber reingefunden und kann heute gar nicht glauben, wie grandios ihre Werke sind. Jedenfalls kenne ich sie und hoffe, auf eine Kollaboration."

Heimat, schöne Heimat

Die große Weltkarriere kann man laut Ásgeir durchaus von der mythenumrankten Insel Island starten, dementsprechend hat er auch keine dringenden Pläne, für weitere Schritte umzuziehen. "Ich habe dort ein Studio, mein ganzes Equipment und alle Menschen, die mit mir zusammenarbeiten. Island mag klein sein, aber es ist leicht, mit anderen Musikern Kontakt aufzunehmen und Beziehungen aufzubauen. Ich wohne derzeit etwas außerhalb von Reykjavik, habe mir dort ein Haus gekauft, komme aber auch immer gerne in mein Heimatdorf Laugarbakki zurück, wo nur etwa 50 Menschen leben. Der Abstand zum restlichen Chaos in diesem Geschäft ist mir sehr wichtig." Und derart träumerische Songs wie auf "Afterglow" lassen sich nicht so einfach in hektischen Multimetropolen schreiben…

Redakteur
Robert Fröwein
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